Evangelische Kirchengemeinde Rüdesheim am Rhein

"Älteste Evangelische Kirche im Rheingau"

Aus aktuellem Anlass finden zur Zeit keine öffentlichen Gottesdienste in unserer Kirche statt.




Heilig-Kreuz-Bingen, mit Jesus unterwegs


Täglich ein Text (von Jörg Zink)

1. April

Ich wünsche Ihnen einen guten Tag. Einen Guten Morgen, an dem es Ihnen nicht ganz so schwer fällt wie sonst, aufzustehen und es mit dem Tag aufzunehmen. Mit dem Rennen und Laufen, das jetzt beginnt. Einen Morgen, an dem die Angst vor allem, was kommt, nicht so schrecklich überhandnimmt .

Es soll ja Leute geben, die wie eine Lerche mit einem Lied auf den Lippen aus dem Bett steigen. Aber wenn wem das nicht liegt, der braucht das nicht nachzuahmen. Da war man für einige Stunden im Land der Träume und soll plötzlich wieder da sein und der Uhr nachlaufen. Damit alles immer so weitergeht. Das ist ja keine Begeisterung Wert.

Auf der anderen Seite ist es mit dem Aufwachen eine erstaunliche Sache. Da kommt man aus der merkwürdigen Welt der Träume zurück. Leib und Seele finden sozusagen wieder zusammen, Der Kopf fängt wieder an, normale Gedanken zu denken, und die Erinnerung an gestern und vorgestern ist wieder da.

2. April

In unseren Morgenliedern gibt es Verse, die das Aufwachen wie eine Art neuer Schöpfung empfinden. Da heißt es zum Beispiel im Lied „Lobe den Herrn, alle die ihn ehren“ von Paul Gerhard:

„Dass unsre Sinnen wir noch brauchen können                                                                                                                    und Händ und Füße, Zung und Lippen regen,                                                                                                                         das haben wir zu danken seinem Segen.                                                                                                                              Lobet den Herren.“

Wenn man es so ansieht, dann ist das Aufwachen etwas Schönes. Man kann wieder etwas tun. Etwas erleben. Etwas sagen, anderen zuhören. Man steht wieder aufrecht und nimmt seinen Tag in die Hand. Man regt seine Kräfte wie die Bäume, die jetzt wieder ihre Blätter treiben und ergrünen.

3. April

Bald ist Ostern. Da geht es um das Auferstehen. Nein, eigentlich geht es um ein Aufstehen. Eines Tages, sagt das Evangelium, wenn du oft genug geschlafen hast und wieder aufgestanden bist, dann schläfst auf eine ganz andere Art ein und wachst auf eine ganz andere Art auf. Dein ganzes Leben wird hinter dir liegen wie ein Traum. Du wirst erwachen und aufstehen und eine ganz andere Art von Welt schauen.   

4. April

Einmal gebraucht die Bibel ein beklemmendes Gleichnis für dieses Einschlafen und Aufstehen der anderen Art. Sie sagt: stell dir einen Karren vor, einen Lastkarren. Davor einen müden, abgesetzten Gaul. Der bist du. Auf dem Bock sitzt einer mit einem langen Stecken. An der Spitze ist ein scharfer Haken, wie ihn die Fuhrleute damals in der Hand hatten. Mit diesem spitzen Haken schlägt oder reißt er an dem armen Tier herum und treibt es immer weiter, bis es zusammenbricht und liegen bleibt.

5. April

Wenn du wissen willst, wer das ist, der dich dein ganzes Leben entlang hetzt, bis du liegen bleibst: das ist der Tod. Der ist schon, während der frisch und gesund bist, an der Arbeit. Und wenn du wissen willst, was mit dem Haken an dem langen Stecken gemeint ist, der dich immer vorwärts treibt - dem kannst du verschiedene Namen geben: das ist dein Ehrgeiz, der dir keine Ruhe lässt. Das ist dein Erlebnishunger, der fürchtet, du könntest etwas versäumen. Deine Geldgier, die meint, andere hätten ja auch mehr. Oder deine Angst, du könntest nicht mitkommen. Jedenfalls sitzt dort eine auf dem Bock und jagt dich. Und du läufst und läufst, bis dein Ehrgeiz nicht mehr kann und dein Erlebnishunger keine Erlebnisse mehr findet.  

6. April

Du läufst und läufst bist du nicht mehr kannst…aber dann, so sagt Jesus, dann am Ende, hat der Tod gar nichts erreicht. Dann wirst du auf dieser Welt der Arbeitstiere und Treiber aufwachen und ein Mensch sein, ein freier Sohn Gottes, eine Tochter Gottes. Dann werde ich dich verwandeln. Du wirst erwachen und aufstehen. Den Weg gehe ich dir voraus. Geh ihm nach. Und Paulus zieht das Fazit: „Der Tod hat seine Sache verloren. Tod, wo ist dein Sieg? Wo ist dein Stachel stecken? Wir danken Gott, der uns den Sieg gegeben hat, durch Jesus Christus, unseren Herrn“ (1. Korinther 15 ,55-57).

7. April

Gehen Sie einmal einen Tag lang davon aus, dass Zwang und Hetze nicht ewig gehen. Das Gewalttätigkeit und Unmenschlichkeit nicht das letzte sind. Gehen Sie davon aus, dass Sie ein ganz anderes Aufstehen vor sich haben, ein Aufstehen in die Freiheit. Und gehen Sie davon aus, dass die Menschen um Sie her, die oft ebenso getrieben sind wie Sie, dasselbe Aufstehen vor sich haben. Man geht anders miteinander um, wenn man einander diese Würde lässt.

 8. April

Wir feiern bald Ostern. Wir feiern Auferstehung. Wir lesen die Erzählungen und Aussagen des Neuen Testaments über die Auferstehung Christi. Und vielleicht ist uns der Gedanke an die Auferstehung der Toten gar nicht so fremd, der liegt ja, sobald wir anfangen aufmerksamer zu leben, nahe.

Fremd aber muten uns die Geschichten um die Auferstehung Christi überall dort an, wo uns scheint, es geht dabei zu leiblich zu - wenn Christus etwa ist, wenn er sich anfassen lässt, wenn der Leib nicht mehr zu finden ist am Ostermorgen. Fremd auch mutet uns der Glaube an, wie er in den Bekenntnissen der Kirche niedergelegt ist, wenn wir da nicht nur glauben sollen, dass wir auch auferstehen, sondern dass wir es leiblich tun werden.

9. April

Was sollen wir uns vorstellen unter der Auferstehung des Leibes? Die Frage ist nicht neu. „Wie soll das zugehen?“, fragt schon Paulus im 15. Kapitel des ersten Korintherbriefes. „Manche fragen mich,“ schreibt er, “wie man sich den Körper, den Leib der Toten denken könne, wenn der Leib auferstehe.“ Aber er wehrt sich zugleich gegen allzu einfache Antworten. Es ist doch nicht so, sagt er, dass die Toten einfach so weiterleben wie hier. Es ist doch wie auf einem Acker: man wirft ein Korn in die Erde, aber Leben entsteht daraus erst, wenn das Korn stirbt. Was man sät, ist ja nicht die Pflanze, die entstehen soll, sondern lediglich ein Korn, vielleicht ein Weizen oder eine andere Getreideart. Wenn das Korn zugrunde gegangen ist, schafft Gott aus ihm einen Organismus nach seinem Plan, und zwar für jedes Korn einen besonderen, wie es jeweils seiner Art entspricht.